Zukunftschancen auf Schiene

Mit der Eröffnung der Koralmbahn Mitte Dezember wachsen die Länder Steiermark und Kärnten zu einem großen Lebens- und Wirtschaftsraum zusammen. „Future“ sprach mit Ewald Verhounig, dem Leiter des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung in der Wirtschaftskammer Steiermark, über Chancen und Herausforderungen dieses Jahrhundertprojekts.

Die Koralmbahn gilt als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte Österreichs. Welche strategische Bedeutung hat sie aus Sicht der Standort- und Wirtschaftsentwicklung für die Steiermark – und darüber hinaus für Südösterreich?

Ewald Verhounig: Es handelt sich dabei wirklich um ein Jahrhundertprojekt: Mit der Koralmbahn rückt die Region von einer Randlage in die Mitte Europas. Neben dem Personenverkehr geht es dabei natürlich vor allem auch um den Gütertransport. Dank dieser neuen Verbindung sind nun nicht nur alle Adria-Häfen leichter erreichbar, sondern auch der Norden Europas. Somit sind wir nun Teil einer der großen Infrastrukturachsen Europas. Wir haben damit nicht nur als Logistikstandort, sondern auch als Industriestandort enorme Vorteile, die es davor nicht gab.

Mit der Koralmbahn rückt ein neuer Wirtschaftsraum zusammen. Was verstehen Sie unter dem „Wirtschaftsraum Südösterreich“ und welche Regionen profitieren davon besonders?

Ewald Verhounig: Wir haben gemeinsam mit der steirischen Forschungsgesellschaft Joanneum Research Modellierungen angestellt und dabei überraschende Ergebnisse erhalten: Denn es profitieren nicht nur die beiden Ballungsräume Graz und Klagenfurt, sondern auch die Bezirke dazwischen. In der Steiermark ist das vor allem Deutschlandsberg, in Kärnten sind es unter anderem Wolfsberg und Völkermarkt. Diese Regionen sind industriell schon jetzt sehr gut aufgestellt. In Deutschlandsberg werden sich mit dem großen Gewerbepark, der dort entsteht, die Chancen noch vergrößern. Der nächste Schritt ist der Ausbau der Strecke Graz–Bruck, dafür kämpfen wir schon seit Jahren. Wir hoffen, dass es bis 2040 so weit sein wird, dass man Bruck von Graz aus in 15 bis 20 Minuten erreicht. Dann wird sich der Ballungsraum bis in die Obersteiermark erstrecken – und dann wird es auch die Möglichkeit geben, eine Haltestelle am Flughafen Thalerhof einzurichten.

Wie kann die steirische Industrie die Koralmbahn nutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit international weiter auszubauen?

Ewald Verhounig: Abgesehen von der großen Chance für die Logistikbranche ist die Koralmbahn auch für den Arbeitsmarkt ein echter Gewinn. Es gibt dadurch einfach ein größeres Einzugsgebiet für hochqualifizierte Fachkräfte, auch über die Landes- und sogar Bundesgrenzen hinweg. Das macht unseren Standort um ein Vielfaches attraktiver. Und natürlich, wie schon erwähnt, ist die Erreichbarkeit und der einfache Gütertransport ein enormer Wettbewerbsvorteil, auch für den internationalen Export. Mit dem Cargo Center Graz in Werndorf ist die Steiermark da schon sehr gut aufgestellt.

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Welche Chancen eröffnet die bessere Anbindung für die Zusammenarbeit zwischen steirischen Unternehmen und Partnern in Kärnten, Slowenien oder Norditalien?

Ewald Verhounig: Die Kärntner konnten in den vergangenen Jahren schon etliche italienische Firmen an den Standort bringen, davon werden künftig auch wir Steirer profitieren. Wesentlich ist für uns auch der Ausbau der Südbahn in Richtung Maribor und sogar bis nach Kroatien – das geht bis zur Erschließung des Balkans.

Welche Branchen sehen Sie als besondere Gewinner dieser neuen Vernetzung?

Ewald Verhounig: In erster Linie werden das Industrie und Gewerbe, aber auch die wissensintensiven Dienstleistungen sein. Nimmt man zum Beispiel den Maschinenbau oder ähnliche Branchen her, wo viel transportiert werden muss, so wird die Koralmbahn in diesen Bereichen neue Kooperationen möglich machen. Und auch für die Steiermark mit ihrer hohen Forschungs- und Entwicklungsquote bringt die neue Verbindung große Vorteile. Bislang, das wissen wir aus Untersuchungen, die Joanneum Research durchgeführt hat, wurden viele Forschungsergebnisse nicht am Standort umgesetzt – künftig wird das durch den neuen Großraum aber sehr wohl der Fall sein. Der neue attraktive Lebensraum wird es aber auch möglich machen, Jungforscher:innen am Standort zu halten und international renommierte Expert:innen aus dem Ausland herzuholen. Und natürlich tut sich auch touristisch eine riesige Chance auf – darauf wird man künftig auch in der Vermarktung verstärkt setzen. Hier kann man eine unglaublich attraktive Region bewerben, die einerseits den urbanen Bereich in Graz hat, aber auch direkt mit der Seenregion in Kärnten verbunden ist.

Große Infrastrukturprojekte bringen auch Herausforderungen mit sich. Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden, damit die wirtschaftlichen Potenziale der Koralmbahn voll ausgeschöpft werden können?

Ewald Verhounig: Derzeit ist wohl die größte Herausforderung, dass sich das Ganze einmal einspielen muss. Dabei spielt auch die Infrastruktur rundherum eine große Rolle: von Park-&-Ride-Plätzen bis zum öffentlichen Verkehr, wo die Taktung nahtlos anschließen muss. Dann wird die Strecke sowohl für Arbeitnehmer:innen als auch für den Bildungs- und Ausbildungssektor interessant werden. Darüber hinaus gilt es, die Lücken zu schließen. Neben der Verbindung Graz–Bruck wird der Semmering-Basistunnel die Strecke nach Wien extrem verkürzen. Dann haben wir mit der Bahn Fahrzeiten, die dem Auto weit überlegen sind. Damit rückt die Obersteiermark dann wirklich wieder ins Zentrum und der Wirtschaftsraum wird sich bis nach Wien erstrecken.

Welche Bedeutung hat die Koralmbahn für den Arbeitsmarkt, insbesondere für Pendler:innen, neue Arbeitsmodelle und die Attraktivität von Industriearbeitsplätzen?

Ewald Verhounig: Wir haben in einer Studie herausgearbeitet, dass durch die Flexibilität, die jetzt mit der Bahn zusätzlich entsteht, das Pendleraufkommen sich bis zu einem Drittel vergrößern wird. Viele Regionen und Gemeinden werden dadurch neue Chancen eröffnet bekommen, weil sie als Standort attraktiver werden. Und für die Firmen ist das eine Riesenchance, Arbeitskräfte anzusprechen.

Welche neuen Bildungs- und Karrierechancen ergeben sich für Jugendliche, etwa durch stärkere Kooperationen zwischen Betrieben, Bildungsstandorten und Forschungseinrichtungen im Süden Österreichs?

Ewald Verhounig: Es sind bereits erste Bildungskooperationen entstanden, vor allem im HTL-Sektor. Zudem gibt es Gespräche auf Ebene der Hochschulkonferenz. Die Universitätsstandorte Graz und Klagenfurt überlegen, komplementäre Stärken weiterzuentwickeln oder die Lehrpläne so flexibel zu gestalten, dass es vielleicht sogar Studien gibt, in denen man an beiden Standorten Lehrveranstaltungen dazu anbietet. Aktuell erheben FH Campus und Uni Klagenfurt die Bildungsbedarfe vor Ort, damit man die Angebote noch gezielter an die regionale Wirtschaft anpassen kann. Ein weiteres spannendes Feld ist der Lehrlingssektor, auch hier sind zum Beispiel Firmenkooperationen über Bundesländergrenzen hinweg denkbar. Die Bahn ist ja für Lehrlinge sehr attraktiv, da es mit Bus oder Auto bisher oft einfach zu mühsam war, weiter auszupendeln.

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Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie soll sich der Wirtschaftsraum Südösterreich Ihrer Meinung nach entwickelt haben – und welche Rolle spielt die Koralmbahn dabei?

Ewald Verhounig: Dazu habe ich ein absolut positives Zukunftsbild: Ich glaube, wir werden uns als neuer, starker Zukunfts- und Wirtschaftsraum in Österreich etabliert haben – vielleicht sogar als zweitgrößter Ballungsraum, der in puncto wirtschaftlicher Stärke ordentlich zugelegt hat. Nicht nur der Arbeitsmarkt wird attraktiver werden, auch der Tourismusstandort wird noch mehr an Anziehungskraft gewinnen. Dazu ist es aber essenziell, dass auch wirtschaftspolitisch über Bundesländergrenzen hinweg kooperiert wird; es gibt bereits erste Übereinkommen auf Landesebene und natürlich auch auf Ebene der beiden Wirtschaftskammern.

Was würden Sie steirischen Unternehmen, Schulen und jungen Menschen heute mitgeben, um die Chancen dieses Jahrhundertprojekts aktiv zu nutzen?

Ewald Verhounig: Durch den Wirtschaftsraum Südösterreich ist es gar nicht mehr notwendig, nach Wien zu gehen – hier entsteht eine Zukunftsregion, die euch alle Chancen bieten kann: von attraktiven Ausbildungsstätten und Unternehmen bis hin zu einer tollen Lebensqualität, die man in dieser Form wohl kaum in einer anderen Region hat.

Fact Box

Die Koralmbahn

Seit 14. Dezember 2025 verbindet die Koralmbahn Graz und Klagenfurt in 41 Minuten – davor war man mit dem öffentlichen Verkehr drei Stunden unterwegs. Mit bis zu 250 km/h führt die 130 km lange Hochleistungsstrecke mitten durch das Bergmassiv der Koralpe. Fast drei Jahrzehnte dauerte es, dieses Jahrhundertprojekt in Sachen Infrastruktur zu realisieren – erste Ideen für ein solches Projekt gab es sogar schon in den 1960er-Jahren. Neben dem Personenverkehr ist diese neue Hochleistungsstrecke vor allem für die Wirtschaft, die Industrie und den Güterverkehr von großer Bedeutung

Der Wirtschaftsraum Südösterreich

Die Bahnverbindung zwischen Graz und Klagenfurt schafft einen faszinierenden Wirtschaftsraum mit 1,8 Millionen Menschen und knapp 150.000 Unternehmen mit 770.000 Beschäftigten. Die zweitgrößte Wirtschaftsregion Österreichs gilt als Jahrhundertchance, denn sie gibt Unternehmen in der Steiermark und in Kärnten einen starken Impuls für die kommenden Jahrzehnte.

Das Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung in der WKO Steiermark

Die Stabsstelle des Präsidiums der Wirtschaftskammer erstellt Grundlagen, Studien und Positionen, bewertet Fakten und erarbeitet Strategien sowie Lösungsvorschläge zu steiermarkrelevanten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen. Darüber hinaus werden Begutachtungen zu aktuellen Gesetzesentwürfen durchgeführt und Stellungnahmen erstellt.

Ewald Verhounig, Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung in der WKO Steiermark (c) Foto Fischer

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